Manchmal ist eine familiäre Atmosphäre im Krankenhaus vom Vorteil. Dies war mein erster Gedanke, als ich das Kreiskrankenhaus Wolgast betrat. Ich war mit der verantwortlichen Oberärztin Frau Dr. Pieper für ein Interview verabredet. Die meisten Leser werden kaum wissen, wo Wolgast liegt. Es ist eine Kleinstadt im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, direkt am Rande der Ferieninsel Usedom. Wenn Sie schon einmal mit dem Auto auf der Insel Urlaub machten, erinnern Sie sich sicher an eine Stadt, in der Sie auf dem Weg im Stau standen. Das war Wolgast!
Das Krankenhaus liegt ein wenig versetzt zur Hauptstraße, so dass man den Verkehr kaum hört. Es ist umgeben von einem kleinen Park, der zum Spazierengehen einlädt und ein wenig Abwechslung zum Klinikalltag bietet. Im Gebäude setzt sich der „grüne Daumen“ fort: In auffällig vielen Ecken, sowohl in der Cafeteria im Eingangsbereich als auch in den Ruheräumen in den Stationen und den Fluren, stehen Topfpflanzen und andere Zimmergewächse, die die Atmosphäre aufhellen. Obwohl die Bausubstanz der „Diabetes / Gyn“ – Station recht alt wirkt, verwandeln die Pflanzen und der kleine Balkon den Stationsflur in ein positives Ambiente.
Der dritte Gedanke war die Freundlichkeit des medizinischen Personals, dem ich begegnete.
Als mich Frau Dr. Pieper, meine Interviewpartnerin, mit einem Lächeln begrüßte, wusste ich sofort, dass dieser erste positive Eindruck doch nicht so falsch war.
Das Kreiskrankenhaus Wolgast ist ein recht kleines Krankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern. Frau Dr. Pieper, die Oberärztin der Diabetesstation, erklärte sich freundlicherweise bereit, dieses in Form eines kurzen Interviews vorzustellen.
Als Einleitung möchte ich mit zwei Fragen zu ihrer Person und zu den quantitativen Parametern der Diabetesstation beginnen.
Wäre es möglich, dass Sie uns zu Beginn ein paar Daten zu Ihrer Person nennen?
Ich studierte von 1984 bis 1990 Medizin an der Charité in Berlin. Im Vorfeld musste man damals schon in einem medizinischen Beruf gearbeitet haben, was mir durchaus half. 1992 kam dann die Promotion und 1996 die Facharztausbildung zum Internisten und im Anschluss zum Diabetologen. Über die Stationen Anklam und Karlsburg landete ich 2006 in Wolgast.
Wie groß ist die Station und wie viele Ärzte arbeiten hier?
Die Station ist eine Kombinationsstation Gyn / Diabetologie. In meinem Teil der Station, d.h. in der Diabetologie gibt es 2 Diabetesberaterinnen, 2 Assistenzärzte und mich. Wir betreuen 14 Betten, wobei die eine Hälfte der Einweisungen akut-internistisch und die andere der (Neu-)Einstellung der Diabetiker ist. Natürlich können wir auch aufbetten, was meist auch notwendig zu sein scheint.
Wenn Sie die Diabetesstation beschreiben müssten: Was sind die Stärken einer in Wolgast vorgenommenen Behandlung bzw. Betreuung und an welchen Stellen existiert aus logistischen, personellen oder finanziellen Gründen Nachholbedarf?
Der größte Vorteil ist die Größe des Hauses und der Stadt. So können wir sowohl zu den einweisenden Hausärzten als auch zu den Patienten einen engen und kollegialen bzw. persönlichen Kontakt aufbauen. Für viele Patienten sind wir schon fast Bezugspersonen, bei denen man nicht extra in die Akte schauen muss, um zu wissen, wo die gängigen Probleme liegen.
Der Nachteil, sofern der überhaupt vorhanden ist, liegt sicher in der geografischen und demografischen Situation in dieser Region. In diesem dünnbesiedelten und weitläufigen Gebiet können die Wege recht lang sein, müssen Einzelfälle unter Umständen weiter delegiert werden und ist es leider nicht erlaubt, eine Ambulanz in der Klinik aufzubauen. Diese befindet sich ja fast direkt vor der Haustür in Karlsburg. Mit einer Ambulanz wäre es einfacher die Fortschritte der Patienten im Alltag zu begleiten oder zumindest eine Rückmeldung zu erhalten.
Wie würden Sie das Verhältnis zu dem benachbarten Karlsburg bezeichnen? Existiert hier eine Konkurrenzsituation oder ist die Zusammenarbeit durchgehend positiv?
Positiv natürlich. Da ich selber in Karlsburg gearbeitet habe und die dortigen Kollegen gut kenne, gestaltet sich die Zusammenarbeit sehr kollegial und hilfreich. Vereinzelnd kommt es sogar vor, dass ich mir in dem Diabetes-/Herzzentrum eine zweite Meinung zu einem besonders komplizierten Fall einhole.
Gibt es im Klinikum Wolgast eine Verbindungsperson, die den anderen Fachrichtungen, wie der Chirugie, Hilfe liefert, falls ein Diabetiker durch einen diabetesfremden oder durch einen durch Komorbidität geprägten Notfall eingeliefert werden muss? (Bspw. Diabetischer Fuß oder Retinopathie)
Dieses Problem ist eigentlich nur in großen Häusern akut. Da wir hier jedoch so klein sind, schaue ich mir jeden Morgen alle diabetischen Patienten auf jeder Station an und betreue ihre Blutzuckereinstellung sowie ihre Insulinbehandlung. So ergibt sich für uns ein äußerst kurzer Draht zumindest zu jeden mit Insulin geführten Diabetiker im Krankenhaus, egal auf welcher Station er oder sie liegt.
Aus welchen Umkreis reisen die Patienten an?
Der absolute Hauptteil der Patienten kommt aus der direkten Umgebung. Dies bedeutet, der absolute Großteil der Patienten kommt von der Insel [Usedom - Anm. d. Verf.], aus Wolgast und den umliegenden Dörfern bis Züssow. Ab und an kommt es im Sommer jedoch auch vor, dass Urlauber von der Insel unsere Hilfe brauchen.
Hatten Sie bisher auch polnische Patienten aus z.B. Swinemünde (Świnoujście)?
Nein, polnische Patienten hatten wir bis dato noch nicht.
Was sind die häufigsten Einweisungsgründe bei den Typ-1-Diabetiker/innen?
Bedingt durch unseren akut-internistischen Charakter kann es auch mal passieren, dass ein Patient mit einer Ketoazidose oder anderen Komplikationen eingeliefert wird. Wie schon gesagt, nur ungefähr die Hälfte aller Patienten sind Erstmanifestationen oder Neueinstellungen. In speziellen Kliniken wie beispielsweise der in Karlsburg sieht das Ganze natürlich etwas anders aus.
Auf der Internetpräsentation haben Sie drei Punkte erwähnt, bei denen ich gerne nachhaken möchte:
- Physiotherapeutisches Training
Dies ist ein externes Angebot für ältere und vor allem bettlägerige Patienten. Durch ein spezielles, subjektiv angepasstes ergometrisches Belastungstraining sollen kardiologische Probleme, die bei Diabetiker/-innen durchaus vorkommen, verhindert oder zumindest vermindert werden.
Die Motivation von Patienten sollte natürlich immer im Vordergrund stehen. Wir haben hier jedoch das Problem, dass die meisten Patienten nicht so lange bleiben, dass sie ein ganzes Schulungsprogramm mitmachen können. Das Resultat ist eine Art Pater-noster-Schulung. D.h., der Diabetiker steigt ganz individuell ins Schulungsprogramm ein und auch wieder aus. Der motivierende Nebeneffekt ist dabei, dass die Diabetesberater auf den “kleinen Zeigefinger” verzichten und viele grundlegende Inhalte häufig wiederholen.
- Empfehlung und Beratung, Umstellung sowie Begleitung einer Insulinpumpenbehandlung
Bedingt durch die demografische Situation in unseren Einzugsbereich und die Nähe zu Karlsburg haben wir relativ wenige Pumpenpatienten. Trotzdem ist es unser Anspruch, auch auf diesem Gebiet auf dem neuesten Stand zu sein.
Vielen Dank für das Gespräch.